Die Friedhofshyänen des ZPS

Das ZPS hat den Regeln für erfolgreiche Marketingkampagnen folgend immer wieder gleiche Bilder und Textbausteine verwendet, wobei die Texte immer wieder neu kombiniert wurden.

Hier sieht man einen Frame aus dem Promotion-Video zur Kampagne.

Frame aus dem Promotion-Video des ZPS zur Kampagne „Sucht nach uns“, z.B. hier: https://politicalbeauty.de/sucht-nach-uns.html

Die Bilder und Buchseite/-Einband wurden zu Vorder- und Hintergrundgrafiken der verschiedenen Websites. Dazu gehört auch das Bild links oben, das auf mehreren Webseiten als Hintergrundgrafik eingebunden wurde.

Im Aufbau der derzeitigen Website [1] liegt das Bild zwischen zwei Textblöcken. Welche Verbindung hat das Bild zum umgebenden Text?

Textanordnung zum Bild, siehe [1]

Der erste Textblock mit dem Titel „Die Verbrannten liegen überall“ endet mit folgenden Worten: „In 175 der Proben fanden sich Hinweise auf menschliche Überreste. Die ungewollten Unruhestätte, von der Welt völlig vergessen, vom deutschen Staat nie gesucht, von der Öffentlichkeit verdrängt. Es gibt Tausende davon. Seit einem Dreivierteljahrhundert hätte man nach ihnen suchen müssen.

Der unter dem Bild liegende Textblock hat den Titel „Der Damm bei Harmense„. Damit folgt auf die allgemeine Schilderung ein konkretes Beispiel, und das Bild ist eine Illustration des vorangehenden Textes, der mit „…hätte man nach ihnen suchen müssen“ endet und offensichtlich keine Verbindung zu einem Damm hat.

Tatsächlich könnte man meinen, im Foto suchen drei Personen, so wie das ZPS fordert, nach Gräbern. Vielleicht haben die Abgebildeten eine Grube ausgehoben, um Leichenteile zu finden.

Eine Bildersuche führt erst nach Belgien, dann nach Polen. Dort ist das Bild beliebt bei Nationalisten, die in der Debatte um das Verhalten einiger Polen nach 1945 eine Diffamierung ihrer Nation sehen. Sie zeigen es, weil links oben ein Rotarmist zu erkennen ist, und verteilen es sogar im Postkartenformat.

Vollständige Aufnahme von einer nationalistischen polnischen Website

Die Postkarte zeigt mehr, als das ZPS uns mit dem Foto des Buchbandes aus dem Frame des Videos gönnt. Wir sehen den Hintergrund: Die Personen befinden sich in der Nähe, aber außerhalb der Einzäunung des Lagers Auschwitz-Birkenau. Es ist nach der Befreiung, wie der Rotarmist zeigt.

Was genau machen die Personen auf dem Bild, die das ZPS in Verbindung mit den Gräbern, nach denen man hätte „suchen müssen„, bringt?
Die Person in der Mitte, möglicherweise auf einem Brett hockend, mit einer Schüssel, die sie mit links hält, an der Wasseroberfläche , während die rechte Hand am Schüsselrand

Vergrößerter Ausschnitt des vorangegangenen Bildes, ohne weitere Bearbeitung

entlang streicht. Wäre dies ein Video, wir würden ein Geräusch hören. Und das Geräusch würde Erinnerungen an unsere Kindheit wecken, in der wir alle mal Goldwäscher spielten.

Ja. Was wir sehen, ist die Suche nach Gold.

Werden Leichen verbrannt, bleibt zurück, was nicht verbrennen will oder kann. Knochen. Implantate. Goldzähne. Es gehörte zu den fürchterlichen Aufgaben des Sonderkommandos, in der frischen Asche nach Goldzähnen zu suchen. Das Deutsche Reich brauchte Geld, auch wenn das nicht Verbrannte unveräußerlich dem Toten gehört. Nicht alle Goldzähne wurden gefunden, und so begann mit der Befreiung die „schwarze Archäologie“ durch die Friedhofshyänen, wie die Grabräuber in Polen genannt werden.

Imke Hansen liefert uns in „Nie wieder Auschwitz“ [2] auf Seite 91 den Beleg für die furchtbare Vermutung. Die Bildunterschrift lautet: „Rotarmisten außerhalb des Zauns von Birkenau auf der Suche nach Gold“.

Screenshot aus [2], eBook-Ausgabe

Imke Hansen hat sich eingehend mit der Geschichte von Auschwitz nach der Befreiung befasst. Sie schreibt:

„Zur Verwüstung des Lagergeländes trugen auch Grabräuber maßgeblich bei, im Polnischen »Friedhofshyänen« genannt, welche die Massengräber und Aschefelder nach Goldzähnen und anderen Wertsachen durchsuchten. Einer der ersten Mitarbeiter des Museums, der ehemalige Häftling Stanisław Hantz, berichtete: »Der Kampf mit den Friedhofshyänen war eine furchtbare Sache. Sie gruben in den menschlichen Überresten nach Kostbarkeiten«. Sein damaliger Kollege Henryk Porębski beobachtete, dass die »Goldsucher« ganze Schichten von Erde und Asche abtrugen, so dass sich die Oberfläche des Geländes wesentlich veränderte.“

Und weiter schreibt sie:

„Die Behörden waren sich des Problems durchaus bewusst, wie aus einem Schreiben des zuständigen Krakauer Wojewodschaftsamts an das Ministerium der Öffentlichen Verwaltung vom September 1945 hervorgeht. Der Krakauer Wojewode berichtete, dass in Birkenau Leichen ausgegraben und ihnen die Goldzähne aus den Kiefern gebrochen würden, wobei unter den Plünderern auch Angehörige der Roten Armee gewesen seien. Selbst der Ministerrat befasste sich mit dem Thema. Während einer Sitzung im Februar 1946 hieß es über Birkenau, »dass die Leute dort herumlaufen und die Asche auf der Suche nach Gold durchsieben«. Kriminelle Aktivitäten wie diese beschränkten sich nicht auf das Gelände innerhalb des Zauns, sondern betrafen alle Felder, auf denen Asche aus den Krematorien vermutet wurde, ja sogar das Flussbett der Sola, in welche die deutschen Besatzer ebenfalls Asche und nicht vollständig verbrannte Überreste geschüttet hatten.“

Nun haben wir einen Eindruck davon, was das Bild zeigt: Grabräuber, die nach Gold aus den Zähnen der Ermordeten suchen.

Wie schrieb das ZPS?

„Seit einem Dreivierteljahrhundert hätte man nach ihnen suchen müssen.“

Dann folgt das Bild. Aber darin sucht niemand nach Gräbern. Und auf diese Weise wird man nie nach Gräbern suchen.

Ich weiss nicht, was das ZPS mit diesem Bild bezweckt; ich weiß nicht, welchen Zusammenhang sie fantasieren: Denn sie wissen nicht, was sie tun.

Hinweis: Dieser Text wurde zuerst auf Twitter veröffentlicht und hier leicht überarbeitet. Dank an @wumpatz11, der das Bild im Band von Imke Hansen fand.

[1] https://web.archive.org/web/20200112191307/https://politicalbeauty.de/sucht-nach-uns.html

[2] Hansen, Imke. »Nie wieder Auschwitz!“: Die Entstehung eines Symbols und der Alltag einer Gedenkstätte 1945-1955 (Diktaturen und ihre Überwindung im 20. und 21. Jahrhundert) (German Edition). Wallstein Verlag. Kindle-Version.

ZPS – Nachweise zur Verfälschung des Zitats von Salmen Gradowski und zur Dekontextualisierung weiterer Zitate

Verschiedentlich wurden zu der Tatsache, dass das ZPS das Zitat von Salmen Gradowski verfälscht und die Zitate von Salmen Lewenthal und Filip Müller dekontextualisiert hat, Formulierungen wie „Wenn das wirklich stimmt“ oder „Ihrer Meinung nach“ laut. Glücklicherweise nicht von allen Seiten. Der Spiegel, der sich in früheren Zeiten viel auf seine Rechercheabteilung zugute hielt, schrieb in einer Antwort auf die Forderung, einen Bericht vom 02.12.2019 zu korrigieren:

„Der Artikel von Herrn Frank, auf den Sie Bezug nehmen, stammt von Anfang Dezember. Wie Sie selbst schreiben, wurde dies erst „kürzlich bekannt.“

Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des Artikels auf unserer Seite wurde das Zitat Salmen Gradowski noch allgemein zugeschrieben.

Ob und wann es womöglich einen eigenen Artikel zu diesem Thema geben wird, können wir Ihnen nicht mitteilen. Eine Richtigstellung für diesen Artikel, der nun mehr als einen Monat zurückliegt, und zu dem Zeitpunkt das Zitat noch nicht als falsch zugeschrieben galt, erscheint hier nicht sinnvoll. Herr Frank hat den Artikel mit bestem Wissen und Gewissen verfasst.“

Wenn wir von der irreführenden Formulierung „allgemein zuschrieben“ absehen, so darf die Antwort des Spiegel wohl als Bestätigung der Recherche betrachtet werden. Die Weiterungen, die aus aus der Anwendung – oder Nichtanwendung des Pressekodex ergeben, erspare sich dem Leser.

Zum derzeitigen Zeitpunkt haben bereits drei Medien ihre Online-Berichterstattung korrigiert.

Um verbliebene Zweifel auszuräumen, werde ich hier noch einmal die Nachweise zusammenstellen, mit denen die Zitat-Fälschung zweifelsfrei nachgewiesen werden kann.

Das Zitat von Salmen Gradowski

Das ZPS hat Salmen Gradowski von Anfang an und immer wieder wie folgt und verfälscht zitiert:

„Teurer Finder, suche überall, auf jedem Zollbreit Erde. Suchet in der Asche. Die haben wir verstreut, damit die Welt sachliche Beweisstücke von Millionen von Menschen finden kann.“

Screenshot der Website sucht-uns.de, archiviert, 02.12.2019 10:32. Man beachte den Appell, den das ZPS aus der Zitat-Fälschung ableitet: „Was… geschah?“ – „Wir… sind… gefolgt.“

Der beste Zeuge für das Originalzitat ist das ZPS selbst. Hinnerk Höfling zitiert es in seiner Studie „Die Wege der Asche“ zur Verwertung menschlicher Überreste im Vernichtungslager Auschwitz mit folgendem Wortlaut:

„Teurer Finder, suche überall, auf jedem Zollbreit Erde. Unter ihr sind zehnerlei Dokumente eingegraben, die meinen und die von anderen, die ein Licht auf alles werfen, was hier geschehen ist. Auch eine Menge Zähne sind hier vergraben. Die haben wir, die Arbeiter der Kommandos, speziell auf dem Terrain verstreut, so viel man nur konnte, damit die Welt sachliche Beweisstücke von Millionen von Menschen finden kann.

Screenshot aus die Höfling, Hinnerk: „Die Wege der Asche“, Studie des ZPS zur Aktion „Sucht nach uns“

Der von Höfling angegebene Nachweis in Fußnote 141 bezieht sich mit „Ebd.“ auf Fußnote 129. Dort heißt es:

„Die zählweise der Krematorien muss für diese Arbeit angepasst werden. Gradowski bezieht sich hier auf die KRs II bis V. Gradowski, Salmen: Ich befinde mich im Herzen der Hölle. In Auschwitz wiedergefundene Handschriften eines Häftlings aus dem Sonderkommando, Auschwitz 2017, S. 179-180, (Gradowski, Hölle).“

Screenshot aus die Höfling, Hinnerk: „Die Wege der Asche“, Studie des ZPS zur Aktion „Sucht nach uns“

Dieselbe Quelle führt Höfling in der Auswahlbibliographie an.

Screenshot aus die Höfling, Hinnerk: „Die Wege der Asche“, Studie des ZPS zur Aktion „Sucht nach uns“

Die in Auschwitz aufgefundenen Zeugnisse wurden durch die Gedenkstätte und Museum Auschwitz-Birkenau der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Die deutschen Ausgaben, die das Original-Zitat unverändert aufführen, sind

Jadwiga Bezwińska (Hsg.): Handschriften von Mitgliedern des Sonderkommandos, Band 1 von Hefte von Auschwitz: Sonderheft, Verlag Staatliches Auschwitz-Museum, 1972

Da mir kein Original vorliegt, füge ich das Ergebnis auf google books ein:

Screenshot Suchergebnis auf google books

Inmitten des Grauenvollen Verbrechens: Handschriften von Mitgliedern des Sonderkommandos, Verlag des Staatlichen Auschwitz-Birkenau Museums, 1996

Foto der Seite 138 aus: Inmitten des grauenvollen Verbrechens, 1972; eigener Besitz

Zalmen Gradowski: Ich befinde mich im Herzen der Hölle: in Auschwitz wiedergefundene Handschriften eines Häftlings aus dem Sonderkommando, Übersetzt von Herbert Ulrich, Verlag Staatliches Museum Auschwitz-Birkenau, 2017

Der Band liegt mir nicht vor, aber es sollte Vertrauen in die Arbeit von Hinnerk Höfling geben, der laut Quellenangabe aus diesem Band zitiert (siehe oben).

Daneben gibt es weitere Übersetzungen, die ich nachfolgend angebe.

In der Neuübersetzung „Gradowski, Salmen: Die Zertrennung (German Edition) . Juedischer Verlag im Suhrkamp Verlag. 2019, Kindle-Version“ lautet der Text:

Lieber Finder, suchen sollt ihr, überall, auf jedem Fleckchen. Da liegen zu Dutzenden Dokumente von mir und anderen begraben, die ein Licht werfen werden auf alles, was hier geschehen und passiert ist. Auch viele Zähne liegen begraben. Die haben wir Arbeiter vom Sonderkommando speziell auf dem Platz verschüttet, soviel nur möglich war. Die Welt soll lebendige Zeichen von den Millionen Getöteter finden.

Screenshot aus der E-Book-Anzeige von Die Zertrennung,

Auch wenn der Text anders lautet, und einige der literarisch starken Begriffe („zollbreit“, „Beweisstücke“) in dieser Übersetzung nicht verwendet werden, ist es inhaltlich gleich.

Eine weitere Übersetzung findet sich in „Pavel Markovich Polian: Briefe aus der Hölle: Die Aufzeichnungen des jüdischen Sonderkommandos Auschwitz, Roman Richter, wbg Theiss, 2019“. Das Buch liegt mir nicht vor, aber ein Twitter-User hat mir dankenswerterweise ein Foto der Seite 366 zugesendet, das ich hier angebe. Ich kann derzeit die Richtigkeit nicht verifizieren, aber die entsprechende Passage wird in dieser Veröffentlichung mit den Worten „Lieber Finder, suchen Sie überall!“ eingeleitet. Da wir bisher diese Übersetzung nicht angetroffen haben, handelt es sich unabhängig von der konkreten Zuordnung um eine weitere Übersetzung ins Deutsche. Auch diese Übersetzung ist inhaltsgleich mit den vorangegangenen Übersetzungen des unverfälschten Zitats.

Foto der Seite 366, von Twitter-User @PRidikulow dem Band „Briefe aus der Hölle“, 2019, zugeordnet.

Ich und weitere habe an anderer Stelle [3] [4] bereits beschrieben, wie das vom ZPS verfälschte Zitat entstanden sein kann. Daher beschränke ich mich nun auf den vom ZPS eingefügten Einschub „Suchet in der Asche“.

Einen ersten Hinweis gibt uns der Aufsatz „Geschichte einer Wiederentdeckung“ von Andreas Kilian in „Lagergemeinschaft Auschwitz – Freundeskreis der Auschwitzer“ , Mitteilungsblatt, September 2016, 35. Jahrgang [2].

Darin schreibt Kilian:

„Ania Szczepanska zufolge sei die Ausgrabung von dem polnischen Filmregisseur und Drehbuchautoren Andrzej Brzozowski (1932 2005) initiiert worden, nachdem er durch das polnische Buch Szukajcie w Popiolach (Suchet in der Asche, 1965; dt. Übers. Briefe aus Litzmannstadt, 1967) über die vom Sonderkommando-Häftling Salmen Lewenthal vergrabenen und am 28. Juli 1961 entdeckten Schriften dazu inspiriert worden war.“

Screenshot der PDF-Ausgabe des Aufsatzes „Geschichte einer Wiederentdeckung“, 2016

Kilian erklärt in der Klammer, dass der Titel der polnischen Ausgabe der „Briefe aus Litzmannstadt“ ins Deutsche übersetzt „Suchet in der Asche“ bedeutet.

Prüfen wir zunächst, ob es den polnischen Band tatsächlich gibt. Die Antwort lautet ja.

Screenshot der Suche auf google books.

Die nächste Frage lautet, ob die Übersetzung des Titels bei Kilian zutreffend ist. Da mir gerade ein polnischer Übersetzer fehlt (oder bestenfalls mit Recherchen zum Damm von Harmense beschäftigt ist, ansonsten aber gerade ein neues Buch schreibt), muss ich künstliche Intelligenz bemühen.

Screenshot der Übersetzung durch deepl.com
Screenshot der Übersetzung durch google translate

Beide Übersetzungsprogramme formulieren einen Appell, beide übersetzen das Verb mit Sehen und Schauen, und der Ort, der angesehen werden soll, ist Asche.

Das Sehen und Schauen kann durchaus als Synonym für Suchen aufgefasst werden, denn Suchen ist auf einer einfacheren Sprachebene eben das bewusste Hinsehen. Eine Überprüfung durch das PONS-Wörterbuch führt uns zum Sprichwort „Wer sucht, der findet“: In der Redewendung wird das polnische Verb “ szukajcie“ unverändert aufgeführt. Die Übersetzung „Suchet in der Asche“ ist damit zulässig und zutreffend.

Screenshot Ergebnis Wortsuche bei PONS.

Die Frage, ob die Aufforderung „Suchet in der Asche“ tatsächlich von Salmen Lewenthal stammt, ist bisher nicht beantwortet. Die 1967 in das Deutsche übersetzten Aufzeichnungen „Briefe aus Litzmannstadt“ enthalten Schilderungen eines unbekannten jüdischen Verfassers, die von Salmen Lewenthal gefunden und gelesen wurden. Er hielt sie für so bedeutsam, dass er sie bewahren wollte und sie deshalb in den verbliebenen Aschegruben in Auschwitz versteckte. Dabei fügte er eigene Aufzeichnungen bei. Die Dokumente wurden erst 1961 gefunden. Die Blätter waren in einem schlechten Zustand, so dass sie nur teilweise entziffert werden konnten.

Aus lizenzrechtlichen Gründen können hier die Aufzeichnungen von Salmen Lewenthal in „Janusz Gumkowski, Adam Rutkowski, Arnfrid Astel: Briefe aus Litzmannstadt, Middelhauve, 1967“ nicht vollständig wiedergegeben werden.

Nachweis von Ausgabe und Original in „Briefe aus Litzmannstadt“, 1967, eigener Besitz.

Aber auch Salmen Lewenthal beschreibt das Verstecken von Dokumenten und Beweisen als Zeugnisse für das unvorstellbare Leiden, das in Auschwitz durch die Nationalsozialisten vollstreckt wurde.

Lewenthal schreibt zu Beginn (S.89): „[…] Suchet gut, und ihr werdet viel finden. […]“ Auf Seite 90 ist zu lesen: „Sucht das noch verborgene, reichhaltige Material, das dir, o große Welt, viel Nutzen bringen wird.“ Seine Aufzeichnungen enden in dieser Übersetzung tatsächlich in einem Appell:

„Dank eines Zufalls wurde das an verschiedenen Stellen vergraben. Sucht weiter! Ihr findet noch mehr!“

Tatsächlich wurde an keiner Stelle zu „Suchet in der Asche“ aufgefordert. Es handelt sich mithin um eine poetische Verdichtung der Aufforderung am Ende des Textes als aussagekräftigen Titel der polnischen Ausgabe.

Foto der Seite 94 aus „Briefe aus Litzmannstadt“, 1967, eigener Besitz.

Auch Salmen Lewenthal wird von Höfling in „Die Wege der Asche“ erwähnt. Höfling zitiert nach “ Lewenthal, Salmen: Gedenkbuch, in: Bezwinska, Jadwiga: Inmitten des grauenvollen Verbrechens. Handschriften von Mitgliedern des Sonderkommandos, in: Hefte von Auschwitz, Sonderheft 1, Auschwitz 1972″. Ich gebe hier an, was Höfling zitiert („Die Wege der Asche“, S. 48, siehe auch Screenshot oben):

„Trotzdem werden wir unsrige weiterhin tun und versuchen dies alles für die Welt aufzubewahren. Wir werden es einfach in der Erde vergraben. Und […] wer das auffinden will, der wird es finden [andererseits] und ausserdem […] die ganze […] vom Hof unseres Krem[atoriums] nicht in Richtung der Strasse […] auf der anderen Seite, dort werdet ihr viel finden […], denn wir müssen der Welt auf diese Weise bis jetzt [zu den sich nähernden] Ereignissen […] dies alles mit dem System eines Chronisten ordnungsgemäss zeigen, so wie es sich entwickelt hat. Von jetzt an werden wir alles in der Erde verstecken. Es wird meinen Nächsten geweiht sein, Ehre ihrem Andenken:“

Bereits die 1972 in „Handschriften von Mitgliedern des Sonderkommandos“ übersetzten Textstellen sind umfangreicher und präziser als in „Briefe aus Litzmannstadt“. Ein Vergleich mit der Übersetzung in „Inmitten des grauenvollen Verbrechens“ 1996 zeigt nur geringe und nicht maßgebliche Änderungen des von Höfling zitierten Textes auf, wie die nachfolgend fotografisch angegebenen Seiten 249 und 250 belegen.

Foto der Seite 249 aus „Inmitten des grauenvollen Verbrechens“, 1996, eigener Besitz.
Foto der Seite 250 aus „Inmitten des grauenvollen Verbrechens“, 1996, eigener Besitz.

Die Schlußsätze “ Sucht weiter! Ihr findet noch mehr!“ aus „Briefe aus Litzmannstadt“ finden sich in der Übersetzung von 1996 nicht mehr, generell lassen sich wenige Textstellen beider Übersetzungen einander zuordnen.

Auch das Zitat „Suchet in der Asche“ ist in der Übersetzung von 1996 nicht aufzufinden. Salmen Lewenthal berichtet auch hier und übereinstimmend mit Salmen Gradowski, dass die Nachwelt nach den Zeugnissen und Beweisen suchen solle, die von den Angehörigen der Sonderkommandos in den verbliebenen Aschegruben versteckt wurden und nach den Aufzeichnungen von Salmen Gradowski mit eingegrabenen oder „verstreuten“ Zähnen markiert wurden.

Damit ist nachgewiesen, dass der vom ZPS gewählte Einschub in das Gradowski-Zitat „Suchet in der Asche!“ kein reales Zitat darstellt, weder von Gradowski noch von Lewenthal; er ist tatsächlich der Titel der polnischen Originalausgabe der „Briefe aus Litzmannstadt“.

Das Zitat von Salmen Lewenthal

Das ZPS schreibt aktuell auf seiner Homepage:

„Vor ihrem Tod schrieben sie: „Suchet weiter! Ihr werdet noch mehr finden!“ Das schreibt Salmen Lewenthal am 15.8.1944 in einen vergrabenen Brief. Salmen Gradowski (getötet 1944): „Teurer Finder, suche überall, auf jedem Zollbreit Erde. Suchet in der Asche. Die haben wir verstreut, damit die Welt sachliche Beweisstücke von Millionen von Menschen finden kann.“ Filip Müller berichtet in Lanzmanns Shoah: „Wir haben dafür gesorgt, dass die Welt sich in diese Erde graben würde.

Sie flehten: Sucht nach uns! Sie nahmen an, die Welt würde sie finden.“

Screenshot vom 19.01.2020 20:36 Uhr, politicalbeauty.de/sucht-nach-uns-html

Salmen Lewenthal wird mit unseren Vorkenntnissen zu Salmen Gradowski mit „Suchet weiter! Ihr werdet noch mehr finden!“ nach den „Briefe(n) aus Litzmannstadt“ wiedergegeben. Das Zitat ist fast korrekt, jedoch ohne den Kontext, der im Original so lautet:

Dank eines Zufalls wurde das an verschiedenen Stellen vergraben. Sucht weiter! Ihr findet noch mehr!“

Der Kontext, in dem das ZPS die gefälschten bzw. dekontextualisierten Zitate verwendet, ergibt sich aus dem letzten Satz: „Sie flehten: Sucht nach uns!“ Wie sich aus dem vollständigen Zitat von Salmen Lewenthal ergibt, ist die Interpretation des ZPS vollkommen falsch: Sie hofften, wünschten und forderten, dass die Dokumente und Beweise gesucht und gefunden würden.

Das Zitat von Filip Müller

Filip Müller hat als Mitglied des Sonderkommandos die Hölle von Auschwitz überlebt und als einziger Augenzeuge für das Sonderkommando im Auschwitz-Prozess in Frankfurt/Main ausgesagt.

Einen ersten Hinweis auf die Quelle des Zitats gibt uns erneut Andreas Kilian in seinem bereits erwähnten Aufsatz „Geschichte einer Wiederentdeckung“ in „Lagergemeinschaft Auschwitz – Freundeskreis der Auschwitzer“ , Mitteilungsblatt, September 2016, 35. Jahrgang. Er schrieb:

„Filip Müller sagte 1979 im Interview Claude Lanzmann gegenüber aus: „(…) viele Fotografien waren vergraben,die müssen noch bis heute da in Auschwitz so zu sein. Wir haben ja auch dafür gesorgt, dass die Welt mal vielleicht sich mal da in diesen Terrain graben würde.“

Screenshot der PDF-Ausgabe des Aufsatzes von Andreas Kilian

Lanzmann’s Film Shoah lässt sich auf Youtube einsehen [5], zur Unterteilung steht ein Hilfsmittel zur Verfügung [6]. Die auf YouTube veröffentlichte Fassung enthält nach einer ersten Prüfung das Zitat nicht. Auch in einem auf Englisch veröffentlichten Transkript wird es nicht wiedergegeben [7].

Allerdings lässt sich nachweisen, dass Filip Müller die von Kilian zitierte Aussage tatsächlich während der Dreharbeiten zu Shoah Lanzmann gegenüber getätigt hat. Die betreffende Filmrolle ist im Besitz des US Holocaust Memorial Museums und dort veröffentlicht, siehe https://collections.ushmm.org/search/catalog/irn1003921.

Das Zitat findet sich am Ende der Videodatei, ich habe es auf YouTube auszugsweise angegeben: https://www.youtube.com/watch?v=frUYEbKmWws.

Mein Transkript der Aussage von Filip Müller lautet:

„Aber wenn man gebraucht hat, sagen wir, für die Widerstandsbewegung was zu organisieren, ja, oder einige etwas zu beschaffen, einige Fotografien auch, weil viele Fotografien waren vergraben, die müssten noch bis heute da in Auschwitz [wo oder so] zu sein. Wir haben ja auch dafür gesorgt, dass die Welt mal vielleicht sich mal da in diesen, in diesen Terrain graben würde, Gruben aus, also graben würde.“

Auch Filip Müller spricht von den Dokumenten und Beweisen, hier in Form von Fotografien, die beweisen sollen, welch grauenvolles Unrecht in Auchwitz geschehen ist. Die Behauptung des ZPS „Sie flehten: Sucht nach uns! Sie nahmen an, die Welt würde sie finden.“ wird auch durch Müller nicht gestützt. Mit anderen Worten: Auch das Zitat von Müller wird vom ZPS dekontextualisiert und entgegen der Vorstellungen des Shoah-Opfers Müller verwendet, genauer: instrumentalisiert.

Das Zitat von Samuel Kassow und das „Schwur“-Zitat

Die falsche Verwendung eines angeblichen Zitats von Samuel Kassow und das Original zum „Schwur“-Zitat sind in bei friedensdemowatch.com nachzulesen, weitere Ergänzungen sind nicht notwendig.

Siehe http://www.friedensdemowatch.com/2020/01/13/zentrum-fur-politische-schonheit-und-die-verfalschung-der-shoah/

Der Aufsatz von Andreas Kilian und das ZPS

Bei der Recherche fiel auf, dass alle drei zentral vom ZPS verwendeten Zitate im bereits mehrfach erwähnten Aufsatz von Kilian zu finden sind. Auf Seite 22 wird Gradowski -vollständig – zitiert:

„Wir, die Arbeiter dieses Kommandos, haben sie eigens über das gesamte Gelände verstreut, so viele wie wir konnten,so dass die Welt lebende Zeichen von Millionen ermordeter Menschen finden möge.”

Screenshot der PDF-Ausgabe des Aufsatzes von Andreas Kilian

Auch Filip Müller wird auf Seite 22 zitiert:

„(…) viele Fotografien waren vergraben,die müssen noch bis heute da in Auschwitz so zu sein. Wir haben ja auch dafür gesorgt, dass die Welt mal vielleicht sich mal da in diesen Terrain graben würde.”

Auf Seite 24 folgt der polnische Titel der „Briefe aus Litzmannstadt“:

„Ania Szczepanska zufolge sei die Ausgrabung von dem polnischen Filmregisseur und Drehbuchautoren Andrzej Brzozowski (1932 2005) initiiert worden, nachdem er durch das polnische Buch Szukajcie w Popiolach (Suchet in der Asche, 1965; dt. Übers. Briefe aus Litzmannstadt, 1967) über die vom Sonderkommando-Häftling Salmen Lewenthal vergrabenen und am 28. Juli 1961 entdeckten Schriften dazu inspiriert worden war.“

Auf Seite 26 folgt Salmen Lewenthal:

„Salmen Lewenthal schrieb am 15. August 1944: „Suchet weiter! Ihr werdet noch mehr finden!”

Insbesondere diese Übersetzung ist mutmaßlich einzigartig, ich habe sie nur im Aufsatz von Kilian angetroffen.

Screenshot der PDF-Ausgabe des Aufsatzes von Andreas Kilian

Auffällig ist auch, dass das ZPS Kilians Darstellung übernimmt, dass das vom ZPS verkürzte Zitat von Filip Müller aus Shoah stammt (auch wenn nicht auszuschließen ist, dass eine Schnittfassung von Shoah existiert, in der das Zitat enthalten ist).

Wer auch immer ein paar Zitate gesucht hätte, die er verbinden und verfälschen bzw. dekontextualisieren kann, hier wäre er fündig geworden. Auch die Überlegung, welche Zitat wie in einen Zusammenhang zu bringen wären, erfordert Kreativität. Hier wurden dem ZPS die Zitate vorgegeben, lässt sich mutmassen. Dass der Kontext ein anderer ist im Vergleich zu den Behauptungen des ZPS, ist augenfällig: Der Text von Kilian behandelt archäologische Grabungen in Auschwitz.

Die Wertung der Zitate von Salmen Gradowski und Salmen Lewenthal bei Hinnerk Höfling

Hinnerk Höfling hat in „Die Wege der Asche“ sowohl Salmen Gradowski als auch Salmen Lewenthal zutreffend zitiert. Ist auch Höfling der Meinung, dass sich aus den Zitaten ein Appell ableiten lässt, irgendwo zu suchen im Sinne des „Sie flehten: Sucht nach uns! Sie nahmen an, die Welt würde sie finden“? Nein.

Höfling schreibt auf der mehrfach zitierten Seite 48 (siehe Screenshot oben):

„Einige der Sonderkommandohäftlinge konnten ihre Chance nutzen und ihre bescheidenen, aber immens wertvollen Nachlässe für kommende Generationen platzieren. Sie verliehen so ihrem Wunsch Ausdruck die Nachwelt möge, auch anhand ihrer Aufzeichnungen und der verstreuten Zähne sowie der persönlichen Gegenstände, die in Auschwitz begangenen Verbrechen verurteilen und vor allem nie vergessen.“

Das ZPS kann also keineswegs argumentieren, man habe da vielleicht den Aufsatz von Kilian etwas zerstreut gelesen und aus Versehen zusammenkonstruiert, was nicht zusammengehört.

Fazit

Es darf als nachgewiesen gelten, dass das ZPS die hier dargestellten Zitate im Fall von Gradowski gefälscht, in anderen Fällen dekontextualisiert hat, im Fall von Samuel Kassow dessen Überlegungen zu Emanuel Ringelblum als Eigenzitat Kassows ausgegeben hat.

Mit den verfälschten und dekontextualisierten Zitaten hat das ZPS begründet, warum es die Totenruhe stören darf – nicht nur, weil es einen emotionalen Schock bei seinen Anhängern erzielen wollte, die erst mit der Katharsis des Schwures beim „zivilgesellschaftlichen Zapfenstreich“ Erlösung gefunden hätten, sondern weil es mutmaßlich mit Widerständen aus der jüdischen Gemeinde gerechnet hat. Philipp Ruch gab in einem Interview an, dass die Inspiration für die „Aktion“ aus dem Versuch von Lea Rosh stammte, einen von ihr in der Gedenkstätte Belzec aufgefundenen Backenzahn eines Shoah-Opfers in das Holocaust-Mahnmal in Berlin einzubauen, nachdem der Zahn jahrelang einen Platz auf ihrem Schreibtisch inne hatte. In der Wikipedia heißt es dazu:

„Nach Protesten von Krystyna Oleksy, stellvertretende Direktorin des Staatlichen Museums Auschwitz-Birkenau, und von hochrangigen Vertretern des Zentralrats der Juden in Deutschland gab sie ihr Vorhaben auf. Der Zahn wurde von Rosh und Eberhard Jäckel in Begleitung des Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde Berlin Alexander Brenner der Halacha entsprechend in Belzec begraben.“

Konkret heißt es im Interview des Tagesspiegels [1]:

„Ihre Aktion hat dafür gesorgt, dass auch in der jüdischen Community gestritten wurde über Zustimmung und Ablehnung. Sie haben so gespalten, oder nicht?
Wir haben zum ersten Mal eine Aktion zum Holocaust selbst gemacht. Es wird die Letzte sein. Aber der Holocaust ist und bleibt die Motivation für all unsere Aktionen und keine wird man vollends verstehen, ohne an ihn zu denken. Die Inspiration für „Sucht nach uns“ hatten wir aus Lea Roshs Zahn.

Die Initiatorin des Holocaust-Mahnmals, Lea Rosh, wollte zur Eröffnung im Jahr 2005 den Backenzahn eines ermordeten Juden in eine der Stelen einzulassen. Es gab heftige Kritik, Rosh gab den Zahn zurück. Sie zogen ihre Aktion dagegen durch.
Es ist für mich unfassbar, was bei der Eröffnung des Mahnmals losbrach. Wenn dieses Land schon einen einzelnen Zahn nicht aushält, wie sollte es dann die ganze Asche aushalten?

Dem ZPS musste also bewusst sein, welchen Risiken das Vorhaben unterlag, die Asche und „Knochenkohle“ (ein Begriff für ein industrielles Produkt aus Tierknochen, das heute z.B. als Aktivkohle verwendet wird, in früheren Zeiten wurde es mit der Herstellung von Zucker in Verbindung gebracht [8]) von Shoah-Opfern öffentlich zur Schau zu stellen. Das ZPS hatte dazu eine Begründung konstruiert, die besser nicht sein konnte: Den vom ZPS behaupteten Willen der Shoah-Opfer selbst. Also wurde dieser behauptete Wille den Kritikern wo immer notwendig entgegen geschleudert.

Dabei konnte nicht viel daran sein. Die Ehrfurcht vor den Opfern der Shoah gebietet es, ihre Überlieferungen nicht in Frage zu stellen. Dabei liegen die Fragen, die das Falsch-Gradowski-Zitat aufwirft, auf der Hand:

  • Gradowski wußte von den Aschegruben und dem Verschwinden-Lassen der Asche durch die SS. Welche Gräber hätte er mit verstreuter Asche markieren sollen, wenn ihm die Aktion 1005 nicht bekannt war und nicht einmal im Zuge der Aktion 1005 alle Massengräber durch den NS gefunden werden konnten?
  • Warum sollte er überhaupt Asche „verstreuen“? Was sollte die flüchtige Asche markieren , nachdem der Wind sie verteilt hätte?
  • Warum sollte Gradowski mit dem Verstreuen der Asche den Willen der SS erfüllen?
  • Warum sollte Gradowski mit dem Verstreuen der Asche gegen seine Religion handeln?
  • Wenn das Verstreuen der Asche zum Auffinden von Massengräbern aus Asche dienen sollte, was sind dann die „sachlichen Beweisstücke“ im Zitat?

Zusammen mit der Darstellung des ZPS, dass viele Gräber weder erfasst noch gepflegt seien, führte Widerspruch von jüdischer Seite gegen die Zurschaustellung von Leichenteilen der Shoah-Opfer zu einer Welle von sekundärem Antisemitismus gegen die zumeist jüdischen Kritiker, der von RIAS [9] beschrieben wurde und der in der Presse bisher keine Berücksichtigung gefunden hat.

Beispielkonversation: Sekundärer Antisemitismus ist laut Wikipedia „eine Form subtiler Judenfeindlichkeit, die nach dem Holocaust und in Reaktion auf ihn vor allem in Deutschland und Österreich entstand. Er speist sich aus Gefühlen der Scham und der Abwehr eines Eingeständnisses der im Namen der eigenen Nation begangenen Verbrechen.“
Zu der ungeheuerlichen Unterstellung, dass RCS keinerlei Interesse an den Grabstellen seiner Angehörigen habe, gehört die Feststellung, dass die Verantwortung für die Grabstellen der Ermordeten hier ausschließlich den Juden zugewiesen wird, als deren Vertreter RCS dient, und nicht etwa bei der Gesamtgesellschaft liegt. Wenn aber die Verantwortung nur bei Juden läge, müssten sich das ZPS und seine Anhänger in keinster Weise zu Unrecht empören. Und dass es den Verfasser selbst bisher nicht gekümmert hat, wie es um die Gräber steht, ergibt sich bereits aus seiner eigenen maßlosen Empörung.
Der Account @hogesatzbau hat sich später entschuldigt und den Antworttweet gelöscht.

Um es noch einmal in aller Deutlichkeit zu schreiben: Das ZPS hat mit gefakten und dekontextualisierten Zitaten den Willen der und das Angedenken an die Opfer der Shoah verfälscht und beschmutzt und mit weiteren einseitigen Behauptungen eine Welle des sekundären Antisemitismus ausgelöst, um vor einer Koalition zwischen AfD einer-, CDU/CSU andererseits zu warnen, und sich selbst als Verfechter des Andenkens an die Opfer der Shoah dargestellt. Aber auch diese letzte Selbstdarstellung ist falsch, wie sich bereits aus der folgenden Liste ergibt.

Was hier noch zu nachzuweisen ist (und tlw. an anderer Stelle bereits nachgewiesen wurde):

  • Der massenhafte Auffinden bereits veröffentlichter Aufzeichnungen von Opfern der Shoah in „An die Nachwelt“ auf den Seiten 1 bis 30, wobei der Band des ZPS keine einzige Quellenangabe enthält
  • Die Tatsache, dass in „An die Nachwelt“ mit wenigen Ausnahmen (Widerstandskämpfer und Anekdotisches) keinerlei biographische Angaben gemacht werden, obwohl in vielen Fällen Verfasser und Rahmendaten bekannt sind, spricht gegen die weihevolle Behauptung des ZPS, man wolle den Opfern ein Gesicht geben
  • Eine Analyse der auf verschiedenen Websites veröffentlichten Texte und Bilder wird zeigen, dass das ZPS nur eine Grabungsstelle zeigt, die in einer Art und Weise behandelt wird, die das ZPS selbst ausgeschlossen hat, als es von Bohrungen mit 4 cm-Rohren schrieb. Jeder kann die Website zur „Aktion“ ansehen und urteilen, ob das Herumstehen mehrerer Personen auf einem dunklen Untergrund, mit Schaufeln und Hacke dabei, dem richtigen Umgang mit Überresten Verstorbener entspricht
  • Das ZPS hat behauptet, in 175 Fällen Proben mit menschlichen Überresten gefunden zu haben. Nach deutschem Recht bedeutet dies das Auffinden eines Grabes mit der Pflicht, die Polizei zu benachrichtigen (Regelungen zur Leichenbeschau). In anderen Staaten dürften die Regelungen ähnlich sein. Es wurden bisher keine neuen Massengräber bekannt. Hat das ZPS die Fundorte nicht angezeigt, oder gibt es keine?
  • Ein Teil der vom ZPS angegebenen Grabungsorte wird in „Die Wege der Asche“ als gelungene Beispiele für bereits erfolgte archäologische Erkundungen und angemessene Einrichtung von Gedenkstätten geführt (siehe Vorwort). Wozu musste das ZPS dann dort graben? Siehe auch Hintergrundbild zu Chelmno auf verschiedenen Websites des ZPS:
Hintergrundgrafik mit dem Titel „karte-web-2000×1391.jpg“, Teil verschiedener Websites des ZPS, ohne dort vollständig einsehbar zu sein. Man beachte die Legende: Excavation bedeutet archäologische Grabung. Positiv betrachtet hat das ZPS wohl Stellen gesucht, die bisher nicht untersucht wurden. Negativ betrachtet wollte das ZPS überprüfen, ob die Archäologen auch richtig gearbeitet haben; noch negativer betrachtet hat das ZPS dort nichts getan.
  • Das ZPS behauptet fäschlicherweise, dass sich um die Gräber niemand kümmern würde. Gegensätzlich führt Höfling in „Die Wege der Asche“ zwei Initiativen im Vorwort auf, die sich verdient gemacht haben. Weitere Beispiele finden sich bei Andrej Angrick  „Aktion 1005“ – Spurenbeseitigung von NS-Massenverbrechen 1942 – 1945: Eine „geheime Reichssache“ im Spannungsfeld von Kriegswende und Propaganda“, einem Standardwerk, das von Höfling selbstverständlich in der Bibliographie geführt wird. Wenn das ZPS Angaben zu Berdychiv und Plyskiv brauchte, musste es nur bei Protecting Memory nachschlagen (verwirrend: es gibt zwei Websites): hier ( https://www.erinnerungbewahren.de/plyskiw/ ) und hier ( https://www.erinnerungbewahren.de/en/berdychiv-khazhyn/ ). Die Initiative wird von verschiedenen Akteuren unterstützt, ihre Existenz wie die Akteure widersprechen den Äußerungen des ZPS fundamental.
Screenshot der Initiative Protecting Memory mit den Projekbeteiligten vom 19.01.2020 21:40 Uhr
  • Das ZPS wolle den Opfern ein Gesicht geben. Warum macht das ZPS dann keine Angaben zur Asche in der „Stele“, mit Ausnahme derjenigen, dass sie aus Deutschland stamme? Wäre die Angabe des Fundortes nicht das Mindeste, um den Opfern ein Gesicht zu geben?
  • Warum illustriert das ZPS seine Website zur „Aktion“ mit einem Foto, das Leichenhyänen bei schwarzer Archäologie zeigt, d.h. Goldwäscher bei der Suche nach Goldzähnen von Shoah-Opfern (siehe https://threadreaderapp.com/thread/1217163088601997318.html)? Ist das würdiges Gedenken und das „Gesicht“-Geben, von dem das ZPS schrieb?
  • Das ZPS zitiert Anna Zieba zum Damm von Harmense. Es handelt sich um einen (in Zahlen: 1) Damm. Dennoch schrieb es immer wieder von „Dämmen“. Nach Höfling („Die Wege der Asche“), dem ZPS-Historiker, gibt es keine „Indizien“ dafür, dass im Damm von Harmense menschliche Asche verbaut wurde. Die seit einigen Wochen am Damm von Harmense laufenden (und ggfls. nun abgeschlossenen) Arbeiten im Auftrag der polnischen Wasserverwaltung werden archäologisch überwacht – und was sind die Ergebnisse der geotechnischen Erkundung vorab? Sollten die Polen ihre Toten nicht ehren? Erste Auskunft aus Polen: „Das ist bei uns kein Thema.“ Im besten Fall lässt sich sagen, dass der Fakt nicht endgültig geklärt ist. Ist es richtig, ihn dann in den Mittelpunkt zu stellen, wie es das ZPS tat? (Das Komitee zum 70. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz führt Dämme auf, siehe http://70.auschwitz.org/index.php?option=com_content&view=article&id=290&Itemid=179&lang=en ; die Gedenkstätte Auschwitz nicht, siehe http://auschwitz.org/en/history/auschwitz-and-shoah/the-extermination-procedure-in-the-gas-chambers )

[1] https://www.tagesspiegel.de/berlin/zentrum-fuer-politische-schoenheit-deshalb-wird-es-keine-aktionen-zum-holocaust-mehr-geben/25400880.html

[2] Der Aufsatz von Andreas Kilian ist hier zu finden: https://lagergemeinschaft-auschwitz.de/wp-content/uploads/2013/07/MB_2016_01_neu_klein.pdf

[3] https://www.0x8000.de/2020/01/12/pressemitteilung-die-verfaelschung-des-andenkens-an-die-opfer-der-shoah-durch-das-zps/

[4] http://www.friedensdemowatch.com/2020/01/13/zentrum-fur-politische-schonheit-und-die-verfalschung-der-shoah/

[5] Teil 1: https://www.youtube.com/watch?v=_n7_gSUVCwc

Teil 2: https://www.youtube.com/watch?v=fj2pj6Mt-OA

[6] Sequenzprotokoll des Filminstitut Hannover: http://www.geschichte-projekte-hannover.de/filmundgeschichte/holocaust_im_film/dokumentarfilme-dokumentationen/shoah/sequenzprotokoll-shoah.html

[7] Shoah: The Complete Text of the Acclaimed Holocaust Film (Englisch) Taschenbuch – 22. August 1995

Siehe: https://www.amazon.de/Shoah-Complete-Text-Acclaimed-Holocaust/dp/0306806657

[8] https://de.wikipedia.org/wiki/Tierkohle

[9] https://www.facebook.com/notes/bundesverband-rias-ev/antisemitische-reaktionen-in-sozialen-netzwerken-im-kontext-der-aktionen-des-zen/153262642746578/

Das ZPS und das „Sonderbetonkommando“

Das Zentrum für politische Schönheit (ZPS), nach Eigenzuschreibung ein Künstlerkollektiv, das einen „agressiven Humanismus“ vertritt, begann am 02.12.2019 in Berlin eine „Aktion“ unter dem Titel „Sucht nach uns“. Nach eigenen Angaben wollte das ZPS mit der Kampagne die Parteien CDU und CSU vor einer Zusammenarbeit mit der AfD warnen. Das Mittel zum Zweck war eine am Platz der früheren Krolloper aufgestellte Stele aus Stahlblech mit einer Höhe von 2,2 m, die vom ZPS gegenüber Journalisten auf 2,5 m Höhe aufgerundet wurde. In der Mitte war ein beleuchteter Ausschnitt zu sehen, deren Farbe an eine Lavalampe erinnerte, und in der sich Überreste von Opfern der Nazidiktatur befinden sollten, wie das ZPS am 02.12.2019 morgens auf der zur „Aktion“ eingerichteten Website schrieb.:

Wir haben zwei Jahre lang die Orte aufgesucht, an denen die Nazis den Massenmord perfektionierten und industrialisierten. […] Wir haben an 23 Orten 248 Bodenproben genommen und in Labore geschickt. In 175 der Proben fanden sich Hinweise auf menschliche Überreste. […] An einem der Schreckensorte fanden wir metertief Asche und Knochenkohle. Die Säule birgt im Kernstück einen in alle Ewigkeit konservierten Bohrkern aus genau dieser Erde. [1]

Wie so oft, verrutschten dem ZPS bereits hier die Begriffe: Knochenkohle, auch als Tierkohle bekannt, wird aus „grob gemahlene[n] und entfettete[n] Knochen bei rund 700 °C unter Luftabschluss geglüht“, wie die Wikipedia weiß [2], und als Aktivkohle eingesetzt.

Von anwesenden Journalisten und anderen Zeitgenossen wurde die Inszenierung so interpretiert, dass sich in der Stele Überreste von Shoah-Opfern aus dem Vernichtungslager Auschwitz befänden. Später, als dem ZPS die Deutungshoheit über die „Aktion“ verloren gegangen war, widersprach das ZPS und erklärte, die menschlichen Überreste stammten nicht aus Auschwitz, verschweigt aber bis heute, wo die Probe tatsächlich genommen wurde. Wesentlich an der vom ZPS ausgehenden Kommunikation ist hier, dass das ZPS Informationen streut, Fehlinterpretationen zulässt und erst dann reagiert, wenn die Fehlschlüsse (wenn es denn welche sind) dem ZPS schaden [3].

Auschwitz bedeutet Shoah (das ZPS verwendet den Begriff Holocaust). Was bedeutet die Shoah für das ZPS?

Gegenüber dem Magazin Spex (dem Magazin für Popkultur) erklärte der Leiter des ZPS, Philipp Ruch, im Interview am 01.12.2017:

„Weil noch jedes Jahrhundert das vorangegangene an Katastrophen übertroffen hat. Und weil bisher weder auf der Ebene der Vereinten Nationen, noch im Weltsicherheitsrat etwas passiert ist, um den nächsten Holocaust zu verhindern. Wir werden in Asien und in Afrika Dinge erleben, bei denen uns allen noch Hören und Sehen vergeht. Dinge, die sogar den Holocaust noch übertreffen. Und dann? Was waren das nochmal für akademische Debatten in den Achtzigerjahren, die sich um die Singularität des Holocaust drehten?“

Und weiter:

„Die Frage ist nicht, ob der Holocaust singulär ist. Die Frage ist: ob er es bleiben wird. In meinem Schulunterricht muss ich etwas schrecklich missverstanden haben. Als es hieß „Nie wieder Auschwitz!“, dachte ich, ja klar, das schwöre ich jetzt! Es scheint mir heute wenige zu geben, die wissen, dass solche Schwüre nicht gratis sind, dass sie etwas kosten im eigenen Leben.“ [4]

Halten wir fest, dass Ruch sich geschworen hat: „Nie wieder Auschwitz“, und jetzt den Preis dafür zahlt, mit anderen Worten: Er opfert sich auf. [5]

Zu Beginn der Aktion am 02.12.2019 schrieb das ZPS auf seiner Homepage folgende Erklärung [6]:

„Wie blickt das ZPS auf den Holocaust?
Alle Aktionen lassen sich auf die ein oder andere Weise mit dem Holocaust letztbegründen – und ohne ihn selten verstehen. Aber was ist der Holocaust, wenn er vielleicht mehr ist als ein Ereignis in der Zeit?

(1) Der Holocaust kündet von der anhaltenden Präsenz eines zeitlosen, universellen Verbrechens.

(2) Geschichte ist das Ergebnis von Politik. Der Holocaust ist das Ergebnis von Politik. Er verkörpert kein Naturereignis oder fernen Alptraum, sondern die erschreckendste Möglichkeit des Politischen. Den Triumph des Bösen. – Bedenken wir seine politische Mach- und Organisierbarkeit.

(3) Der Holocaust ist das Trauma der Menschheit: das Trauma vom Ende der Aufklärung, des Fortschritts, des Idealismus, der Zeit an sich. Er ist das eigentliche, unentdeckte Ende der Geschichte.

(4) Der Holocaust ist eine durch die Geschichte gelüftete Stelle in Dasein und Wesen des Menschen. Er war nicht. Er ist – in uns. Er ist nicht damals, sondern er ist hier. Da wir den Abgrund nicht schließen können, müssen wir ihn bewachen – für immer.“

Wie wir sehen, hat das ZPS seit der Einlassung Ruchs im Jahr 2017 trotz all der Lyrik im Statement eine neue Position gefunden: Der Holocaust, der mit der Anmerkung zum „nächsten Holocaust“ seine Singularität verlieren würde, ist nun ein ein zeitloses, universelles Verbrechen.

Mit den „Aktionen“ meint das ZPS freilich die eigene, künstlerische Tätigkeit. Wenn sich die „Aktionen des ZPS“ aus dem „Holocaust“ erklären lassen, dann muss das ZPS aus Spezialisten für Geschichte und Wirkung der Shoah bestehen.

Als das ZPS nach quälend langen Tagen am 04.12.2019 einsieht, dass die Zurschaustellung von Leichenteilen zum Verlust der Kommunikationshoheit führt und mit einer „Stellungnahme“ reagiert, erfahren wir:

Wir verneigen uns vor den Opfern des Holocaust und ihren Nachkommen. Unsere Arbeit, unser ganzes politisches und künstlerisches Handeln ist angetrieben von dem Entsetzen über die Verbrechen der Nationalsozialisten, deren Ziel es war, ihren Opfern jegliche Würde abzusprechen – über ihren Tod hinweg.“ [7]

„Entsetzen über die Verbrechen der Nationalsozialisten“ sei der Antrieb des politischen und künstlerischen Handelns des ZPS, erfahren wir. Bedingt dieser Antrieb nicht wenigstens oberflächliche Kenntnisse über den Nationalsozialismus?

Die vergangenen Tage sahen danach aus, als wolle das ZPS in persona Herr Ruch mit letzten Erklärungen für ein wenig Feel-Good-Klima sorgen, um die „Aktion“ abzuschließen und, wie inzwischen geschehen, in der Rubrik „Totalitarismus“ abzulegen.

Am 09.01.2019 bekräftigt Ruch im Tagesspiegel erneut die Bedeutung des Holocaust für die künstlerische Arbeit [8]:

„Aber der Holocaust ist und bleibt die Motivation für all unsere Aktionen und keine wird man vollends verstehen, ohne an ihn zu denken.“

Er verfügt auch über Kenntnisse zum Zusammenhang von Holocaust und Judentum.

Auf die Frage nach kritischen Reaktionen von jüdischer Seite antwortet er am 13.01.2019 der Berliner Zeitung [9]:

„Das sind für uns gewichtige Stimmen und wir verstehen sie.“

Schließlich will der Interviewer wissen, ob der Holocaust für Ruch nun ein Tabu sei. Ruch antwortet:

„Der Holocaust ist immer unser Ankerpunkt. Ohne das Wissen um ihn wird man unsere Handlungen nie ganz verstehen können.“

Dann, etwas später, heißt es noch vom Leiter des ZPS:

„Es wird unser einziger künstlerischer Kommentar zum Holocaust bleiben.“

Am 15.01.2019 liest man auf der Homepage des ZPS die in Stichpunkten gefasste Erklärung zum Holocaust, wenn auch umformuliert.

„Wie wichtig ist der Holocaust?
Keine unserer Aktionen lässt sich ohne die Existenz des Holocaust im Hinterkopf gänzlich verstehen. Der Holocaust kündet für uns von der anhaltenden Präsenz eines zeitlosen, universellen Verbrechens.“

Das ZPS warb schon zu Beginn seiner Aktion um Spenden und bat den potentionellen Spendern sogenannte Perks – Vergünstigungen an. Es handelte sich um materielle Prämien zu bestimmten Mindestspendenhöhen, wobei eine Prämie für den Spender immateriell blieb: Diesen Spendern wurde versprochen, das ZPS würde vom eingezahlten Betrag Zementsäcke kaufen, um für die Stele ein Betonfundament herzustellen. Würde die Herstellung des Fundamentes nicht gelingen, so das ZPS, erhielten die Spender das Geld zurück.

Es wundert also nicht, dass das ZPS eine die Stele umgebende Betonplatte herstellte. Die Fotos dazu zeigen Zementsäcke, eine Gießkanne, eine auf dem Untergrund abgelegte Bewehrungsmatte. Nach solider Arbeit sieht es auf den Fotos eher nicht aus, aber die immerhin – die Zementsäcke waren zu sehen, auch wenn das ZPS ursprünglich auch verlautbarte, es kämen Trommelmischer, die auch tatsächlich auf der Website abgebildet waren.

Die Arbeiten mit Gießkanne und Zementsäcken fanden in aller Frühe des 07.12.2019 statt; am Morgen wurde die Heldentat auf Facebook, Twitter und der Website veröffentlicht. Eine andere Handlung des ZPS am gleichen Tage sorgte dafür, dass es keine große Aufmerksamkeit gab, also löschte das ZPS kurzerhand am Morgen des 09.12.2019 kurzerhand die ursprünglichen Beiträge auf Facebook und Twitter, um sie dann neu zu posten.

Auf Twitter schrieb das ZPS:

„Vergangene Nacht hat unser Sonderbetonkommando (SBK) im Regierungsviertel ein 4 t schweres Stahlbetonfundament unter den Augen der Polizei gegossen. Die Gedenkstätte wurde überarbeitet und der Kern ausgetauscht. Statikergutachten liegt vor. Alles unter: sucht-uns.de“

So oder ähnlich hieß es auch auf Facebook. Das ZPS wurde von vielen darauf hingewiesen, dass sie mit einem Begriff des Nationalsozialismus spielen. Auf Facebook wurde das „Sonderbetonkommando“ am gleichen Tag umbenannt. Auf der Website war der Begriff noch lange zu lesen, bis er in „SBK“ geändert wurde; auf Twitter kann man den Tweet immer noch nachlesen.

Auf Twitter antwortete Remko Leemhuis, der Managing Director des American Jewish Comitee Berlin. Er schrieb zum Tweet des ZPS:

Es ist wirklich nur noch widerlich und abstoßend. „Sonderbetonkommando“? Soll das witzig sein? Die Ermordeten sind für euch doch nur die Kulisse für billige Provokationen.

Das ZPS antwortete:

„Sie kennen aber schon den Begriff „Sondereinsatzkommando (SEK)“, auf den wir direkt mit „Sonderbetonkommando (SBK)“ anspielen, oder?“

Das ZPS hatte aus den Mitteilungen einer Vielzahl von Kritikern zumindest erkannt, dass es um den Begriff „Sonderkommando“ ging; aber trotz der Welle der Kritik sah es sich außerstande, mit einer Google-Suche die eigene Behauptung zu überpüfen, wobei bereits durchschnittliche Zeitungsleser wissen, dass die Abkürzung SEK für Spezialeinsatzkommando steht.

Das ZPS legte gegen Leemhuis nach und verbreitete:

„Ob Sie es glauben oder nicht, es handelt sich hierbei nicht um reine Referenz und die Parallele, die Sie ziehen, ist uns völlig fremd.

Noch ein kleiner Lesetipp für den Abend:…“

Es folgt ein Link auf einen vom ZPS publizierten Band mit letzten Worten von Opfern der Shoah. Man kann das gar nicht anders werten, als dass das ZPS meinte, der Managing Director des AJC Berlin solle die Finger von der Gegenwart lassen und sich mit toten Juden beschäftigen.

Leemhuis entgegnete:

„Euer Schund interessiert mich nicht. Und natürlich habt ihr diesen Begriff bewusst gewählt.“

Noch immer hatte das ZPS kein Einsehen:

„Nein, haben wir nicht. Das können Sie jetzt glauben oder nicht, aber es wäre uns völlig fremd eine solche Anspielung zu machen. Es ist nicht unsere Absicht, die Opfer der Shoa zu verhöhnen – was, sollte die Anpielung beabsichtigt sein – der Fall wäre. Ist er nicht.

In dieser Diskussion hat das ZPS das Wort „anspielen“ bereits verwendet, Leemhuis nicht. Die Wortgruppe „sollte die Anspielung beabsichtigt sein“ ist damit selbstreferentiell. Das ZPS weiß also nun, weshalb der Begriff „Sonderbetonkommando“ Widerspruch hervorruft. Aber weil es nicht die Absicht des ZPS wäre, Opfer der Shoah zu verhöhnen, verwendet das ZPS ihn weiterhin.

Ich setze voraus, dass der Leser weiß, was das Sonderkommando in Auschwitz war, welche Arbeiten zu verrichten die zugehörigen Inhaftierten gezwungen wurden, wie groß die Anzahl der Überlebenden war. Man kann nicht über Auschwitz sprechen, ohne zu wissen, welche Bedeutung das Sonderkommando hatte. Man kann nicht über die Aktion 1005 sprechen, ohne zu wissen, welche Bedeutung Sonderkommandos dabei hatten.

Das ZPS hat zur „Aktion“ eine wissenschaftliche Studie veröffentlicht. Sie heißt „Die Wege der Asche“ und beschreibt die Verwertung menschlicher Überreste in Auschwitz. Das Wort Sonderkommando findet sich darin 93 mal, und im Vorwort schreibt das ZPS:

„Die Intention zu dieser Arbeit liegt jedoch primär darin, die Chronisten und Häftlingen der Sonderkommandos für ihre grausame Gefangenschaft, ihren Überlebenswillen und ihre Nachlässe wissenschaftlich zu würdigen.“

Da ZPS behauptet, der Holocaust wäre zentral für das eigene Schaffen. Ohne den Holocaust könne man die Arbeit der Künstler nicht verstehen. Aber es scheitert bereits an einem für den Holocaust wesentlichen Begriff wie dem des Sonderkommandos. Es liest die eigenen Schriften nicht. Oder aber es ist dem ZPS bewusst, was das Sonderkommando bedeutet, und pfeift auf jede Pietät um eines billigen Jokes willen.

Wie hieß es noch vom ZPS? „Wir verneigen uns vor den Opfern des Holocaust und ihren Nachkommen“ Und „Das sind für uns gewichtige Stimmen und wir verstehen sie.“ Das ZPS hat sich für das Wortspiel mit dem Sonderkommando bis heute nicht entschuldigt.

Ob so oder so: Dieses Zentrum verfügt nicht über die moralische Reife, sich mit dem Holocaust zu beschäftigen, der in den Händen der Künstler eine Verfügungsmasse ist, die sie sie nach Belieben formen wie Kinder Figuren aus Knete. Knete ist Spielzeug, die Shoah nicht. Das sollte jemand den Künstlern sagen.

[1] https://web.archive.org/web/20191202103228/https://sucht-uns.de/

[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Tierkohle

[3] Siehe z.B. die Süddeutsche Zeitung: „Anm. d. Redaktion: In einer früheren Version dieses Textes hieß es fälschlicherweise, das Zentrum für Politische Schönheit (ZPS) habe eine ausgedruckte Pressemitteilung verteilt, „aus der hervorging, dass es sich um die Asche von Holocaust-Opfern handeln soll, zu Tage gefördert in Harmense bei Auschwitz.““

https://www.sueddeutsche.de/kultur/zps-zentrum-auschwitz-mahnmal-1.4706218

Auch hinsichtlich der Problematik des 11. Knochens verhielt sich das ZPS so: Obwohl in den sozialen Netzwerken Mutmaßungen zirkulierten, dass dem ZPS ein Knochenfragment verloren gegangen sei, reagierte es über Tage nicht. Als es dann reagierte, drohte es mit Klagen. Inhalte eines bei den Ruhrbaronen erschienenen Textes wurden per Unterlassungserklärung durch das ZPS abgemahnt; der Autor des Textes als Nebenberufsjournalist widersprach nicht, weil er die drohenden Gerichtskosten nicht aufbringen könne. Die an das ZPS durch ihn zu zahlende Vergütung für die Anwaltskosten betrugen ca. 1.700 EUR.

[4] https://spex.de/philipp-ruch-interview-zps/

Dort findet sich auch folgende aufschlussreiche Passage: „Was ich an der Wissenschaft schätze – die aufwändigen Recherchen –, das lässt sich mühelos bei jeder unserer Aktionen weiterbetreiben. Natürlich sind sechsmonatige Recherchen aber finanziell etwas prekär.“

[5] Man beachte die Hinweise des ZPS zu den eigenen Aktionen auf der nicht verlinkten, dennoch vorhandenen Testseite Page50. Die Aufopferung des Philipp Ruch wird mit statistischen Daten aufgerechnet: Anzahl der Presseartikel, Ausstellungen, Anzahl der wissenschaftlichen Arbeiten.

https://politicalbeauty.de/page50.html

[6] https://web.archive.org/web/20191202105429/politicalbeauty.de/hinweise.html

[7] Stellungnahme siehe https://politicalbeauty.de/Media/hera/Stellungnahme.pdf

[8] https://www.tagesspiegel.de/berlin/zentrum-fuer-politische-schoenheit-deshalb-wird-es-keine-aktionen-zum-holocaust-mehr-geben/25400880.html

[9] Siehe hier auch Frage und Nicht-Antwort zu den „Schwurwürfeln“:

„Sie haben online sogenannte Schwurwürfel mit in Glas gegossener Erde für 50 Euro das Stück verkauft. Was sollte das?“

„Wir wollten eine Widerstandsgruppe gründen, eine Georg-Elser-Geheimgesellschaft, die im Falle des Falles weiß, was zu tun ist und die Demokratie nach Artikel 20 Absatz 4 verteidigt. Wenn die AfD die demokratisch-freiheitliche Grundordnung der Bundesrepublik stürzen will.“

https://www.berliner-zeitung.de/kultur-vergnuegen/es-ist-unmoeglich-das-richtige-zu-tun-li.4767

Pressemitteilung: Die Verfälschung des Andenkens an die Opfer der Shoah durch das ZPS

12.01.2020

Das Zentrum für politische Schönheit (ZPS) hat am 02.12.2019 eine sogenannte Aktion unter dem Titel „Sucht nach uns“ begonnen. Vom ersten Tag der Aktion bis heute hat das ZPS in seinen Veröffentlichungen die behaupteten Probebohrungen in vermuteten Massengräbern mit dem vermeintlichen Willen von Opfern der Shoah begründet, aus deren Aufzeichnungen und Interviews das ZPS wörtlich, in Anführungszeichen und ohne Kennzeichnung von Auslassungen und fremden Einschüben zitiert hat: auf Websites und in den sozialen Netzwerken, bis die Falschzitate in bekannten Medien reproduziert wurden.


Aktuell schreibt das ZPS auf seiner Website:
Vor ihrem Tod schrieben sie: „Suchet weiter! Ihr werdet noch mehr finden!“ Das schreibt Salmen Lewenthal am 15.8.1944 in einen vergrabenen Brief. Salmen Gradowski (getötet 1944): „Teurer Finder, suche überall, auf jedem Zollbreit Erde. Suchet in der Asche. Die haben wir verstreut, damit die Welt sachliche Beweisstücke von Millionen von Menschen finden kann.“ Filip Müller berichtet in Lanzmanns Shoah: „Wir haben dafür gesorgt, dass die Welt sich in diese Erde graben würde.“


Das Zitat von Salmen Gradowski ist gefälscht. Es lautet im Original, zitiert nach der ZPS-Veröffentlichung „Die Wege der Asche“ von Hinnerk Höfling:
Teurer Finder, suche überall, auf jedem Zollbreit Erde. Unter ihr sind zehnerlei Dokumente eingegraben, die meinen und die von anderen, die ein Licht auf alles werfen, was hier geschehen ist. Auch eine Menge Zähne sind hier vergraben. Die haben wir, die Arbeiter der Kommandos, speziell auf dem Terrain verstreut, so viel man nur konnte, damit die Welt sachliche Beweisstücke von Millionen von Menschen finden kann.


Das ZPS hat das Zitat zunächst entkernt, so dass sich folgender Text ergibt:
Teurer Finder, suche überall, auf jedem Zollbreit Erde. Die haben wir verstreut, damit die Welt sachliche Beweisstücke von Millionen von Menschen finden kann.


Nachdem dem verfälschten Zitat nun die Information fehlt, wonach gesucht werden solle, ergänzte das ZPS den Einschub „Suchet in der Asche“, die deutsche Übersetzung des Titels der polnischen Erstausgabe der Aufzeichnungen des Shoah-Opfers Salmen Lewenthal aus dem Jahr 1964. Die Aufzeichnungen wurden 1961 in Auschwitz nach archäologischen Grabungen gefunden.


Mit dem Einschub ergibt sich dann das gefälschte ZPS-Zitat.
Teurer Finder, suche überall, auf jedem Zollbreit Erde. Suchet in der Asche. Die haben wir verstreut, damit die Welt sachliche Beweisstücke von Millionen von Menschen finden kann.


Anders als von Gradowski gefordert, soll der Finder seiner Aufzeichnungen keineswegs in den noch verbliebenen Aschegruben nach Dokumenten suchen, die mit den verstreuten Zähnen markiert wurden. Er und seine Helfer sollen auch Asche verstreut haben. Das Verstreuen der Asche wird von Salmen Gradowski in der ersten Aufzeichnung beschrieben, bevor die zitierte Aufforderung folgt. Es ist die SS, die vorhandene Massengräber öffnet, aus Leichen und aus Asche, Knochenreste kleinmahlen lässt und schließlich die Überreste in die Weichsel verbringt, um die Spuren des Massenmordes in Auschwitz für alle Zeit zu beseitigen.

Technisch gesehen ist das Verstreuen von Asche nicht sinnvoll. Weder ist verstreute Asche geeignet, einen Fundort zu markieren, noch ist sie dauerhaft, denn sie wird, da Asche aus kleinen und leichten Partikeln besteht, vom Wind verweht.


Da Salmen Gradowski ausweislich seiner Aufzeichnungen ein tief religiöser Jude war, hätte er willentlich und ohne Zwang gegen seine Religion verstoßen.


Das ZPS lässt Gradowski durch die Fälschung des Zitats die Arbeit der NS-Massenmörder machen und deklariert sie als Akt des Widerstands. Er und seine Helfer begehen eine Tat, die sinnlos ist; und das ZPS lässt ihn gegen seine Religion handeln.


Das ZPS hat das Andenken an das Shoah-Opfer Salmen Gradowski beschmutzt. Es reiht sich 75 Jahre nach der Befreiung des Wirtschaftskomplexes und Vernichtungslagers Auschwitz in eine zunehmende Zahl von Akteuren ein, die das Gedenken an und die Überlieferung der Opfer der Shoah zu eigenen Zwecken ausnutzen: Der zuletzt vom ZPS behauptete Spendeneingang beträgt 93.250 Euro.

Nachweise und weitere Informationen finden Sie in Kürze bei friedensdemowatch.com.

Ergänzung am 13.01.2020

Der Artikel von friedensdemowatch.com ist nun online und kann hier gelesen werden:

http://www.friedensdemowatch.com/2020/01/10/zentrum-fur-politische-schonheit-und-die-verfalschung-der-shoah/

Ergänzung vom 17.01.2020

Die Recherche wurde von @konlex09 auf Twitter durchgeführt und kann hier nachgelesen werden:

https://threadreaderapp.com/thread/1214622895693021186.html

Ergänzungen vom 20.01.2010

Der Spiegel schrieb zwischenzeitlich per Mail bestätigend zur Aufforderung, das gefälschte Gradowski-Zitat zu korrigieren:

„Der Artikel von Herrn Frank, auf den Sie Bezug nehmen, stammt von Anfang Dezember. Wie Sie selbst schreiben, wurde dies erst „kürzlich bekannt.“

Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des Artikels auf unserer Seite wurde das Zitat Salmen Gradowski noch allgemein zugeschrieben.“

Eine noch ausführlichere Darstellung der missbräuchlichen Nutzung der Zitate von Shoah-Opfern durch das ZPS:

https://www.0x8000.de/2020/01/19/zps-nachweise-zur-verfaelschung-des-zitats-von-salmen-gradowski-und-zur-dekontextualisierung-weiterer-zitate/

Ein weiterer Beitrag – zur Verwendung eines Fotos durch das ZPS, das schwarze Archäologie zeigt:

https://threadreaderapp.com/thread/1217163088601997318.html

Elchtest

Die schärfsten Kritiker der Elche

waren früher selber welche.

Drei Sätze – eine Textkritik

Kürzlich fand ich auf einem Blog eine Rezension des Buches „Das Integrationsparadox“ von Aladin El-Mafaalani [1]. El-Mafaalani schreibt darüber, dass die Integration Zugewanderter daran sichtbar wird, dass gesellschaftliche Konflikte zunehmen. Diese Konflikte sind aus seiner Sicht nicht Ausdruck einer Integrationsverweigerung, wie vielfach angenommen würde, sondern belegen einen erfolgreich verlaufenden Integrationsprozess. Unser Blogger empfiehlt das Buch und schreibt, von Überlegungen zum muslimischen Kopftuch angeregt, folgende drei Sätze:

Kaum jemand hatte zum Beispiel ein Problem mit Kopftuchträgerinnen im Schuldienst, solange sich diese auf den Putzdienst beschränkten. Zum erregt diskutierten Thema wurde das Kleidungsstück erst, als die ersten Musliminnen mit einem Kopftuch den Lehrberuf ergriffen. Ebenso eskalierte ja auch der europäische Antisemitismus, nachdem sich Jüdinnen und Juden aus den abgeschotteten Ghettos heraus erfolgreich für säkulare Bildung und Berufe geöffnet und gesellschaftlich assimiliert hatten.

Fast hätte ich darüber hinweg gelesen, so schön menschelnd ist das formuliert: Die Lehrerin. Das Kopftuch. Der Antisemitismus. Die Öffnung. Die Assimilation. Aber was da so menschelt, stimmt vorne nicht. Es stimmt übrigens auch hinten nicht. Und zwischen vorne und hinten ist es auch nicht viel besser.

Zunächst sind Menschen, die einem regelmäßigen Erwerb nachgehen, indem sie in Schulen putzen, keine Angestellten im Schuldienst. In den Schuldienst tritt ein, wer ein Lehramt, Pädagogik oder Sozialpädagogik studiert hat. Lehrer brauchen noch ein paar Staatsexamina, und so wertvoll eine oftmals zu Unrecht herabgewürdigte Putztätigkeit auch ist, es führt kein einziger Karriereweg die Putzfrau zur Direktorin.

Auch die allgemein angesprochenen Musliminnen, die den Lehrberuf ergriffen hätten, haben, vermutlich als Kinder Zugewanderter, eine Schule besucht, wechselten auf ein Gymnasium, besuchten eine Universität, absolvierten Staatsexamina, erwarben dadurch die Lehrbefähigung und damit die Voraussetzung für den Lehrberuf. Ergriffen haben sie den Lehrberuf erst, wenn sie eine Arbeitsstelle als Lehrerin gefunden haben. Wenn es eine Auseinandersetzung um das Kopftuch als Einstellungshemmnis gab, so daß sie den Lehrberuf zunächst nicht ergreifen konnten, gingen sie vor Gericht. Nicht nur vor ein Gericht, sondern der Reihe nach gleich vor mehrere, bis ihre Angelegenheit am höchsten zuständigen Gericht in Deutschland ankam.

An dieser Stelle ein paar Worte zur Auseinandersetzung um das Kopftuch, die vom Blogger hier in eindeutiger und parteiischer Weise beurteilt wird. Grundsätzlich geht es um Rechtsgüter, die gegeneinander abgewogen werden. Auf der einen Seite steht die Religionsfreiheit (das Kopftuch ist damit eben nicht traditionelles Kleidungsstück, sondern wird mit einer religiösen Bedeutung aufgeladen, ob das richtig oder falsch sei [2]), auf der anderen die Forderung nach einer bekenntnisfreien und religiös neutralen Schule. Das Berliner Neutralitätsgesetz zum Beispiel untersagt alle religiösen Symbole und trifft damit nicht nur das Kopftuch, sondern auch die Kippa und das christliche Kreuz, obwohl diese in ihrer Bedeutung schwerlich mit dem Kopftuch zu vergleichen sind.

Gesellschaftlich steht das muslimische Kopftuch auch für die Angst vor einer Abkehr von der Befreiung von religiösen Zwängen in einer durch und durch säkularisierten Gesellschaft, und für die Unterdrückung der Frau bis hin zur Segregation in muslimischen, patriarchalen Gesellschaften. Eine Frau, die in Saudi-Arabien Fahrad fahren möchte – eine Praxis, die von einschlägigen Gelehrten immer wieder als ungesund für Frauen beschrieben wurde, während nicht nur hier, sondern auch in China Myriaden von Frauen täglich ohne resultierende Erkrankungen hin und her radeln -, muss sich zunächst verhüllen, die Stadt durchqueren, um einen Frauenfahrradplatz zu erreichen, und dort endlich, durch meterhohe Wände vor den entehrenden Blicken der Männer geschützt, kann sie unter ihresgleichen die Verhüllung abwerfen und sich kreisfahrend dem Taumel der Geschwindigkeit auf einem Damenfahrrad hingeben [10].

Man muss Katar nicht bereisen, es reicht ein Foto an einem durchschnittlichen Sommertag in der Wüste (es gibt da nichts anderes), und man kann die Praxis der Segregation erkennen: Der junge Mann, der Gatte, ein paar Schritte voraus in kurzen Hosen und Shirt, die Ehefrau folgend, verborgen unter schwarzen Kleidern, die sie unkenntlich machen, und das bei Temperaturen um fünfzig Grad [12]. Auch wenn der Mann in Katar üblicherweise das traditionelle Gewand trägt und die Verhüllung der Frau nicht gesetzlich vorgeschrieben ist, obgleich sie von 90% der Frauen praktiziert wird (beginnend mit der Pubertät, die zum Tragen des Kopftuchs führt, das das Gesicht noch frei läßt), sind solche Abbildungen in westlichen Gesellschaften, deren Frauen sich ihre Rechte über lange Zeit erkämpfen mussten, eindrückliche Symbole der Segregation. Bedeutende Frauen in arabischen Gesellschaften haben das Kopftuch bereits um 1920 abgelegt [3], aber die Entwicklung war für sie nicht günstig: In Ägypten ist das Kopftuch heute die Regel, anders als etwa in den fünfziger Jahren.

Während in Europa Musliminnen die Gerichte bemühen, um das Tragen des Kopftuches als religiöses Symbol im Staatsdienst zu erzwingen, bemühen sich die Frauen andernorts, sich nach eigenen Vorstellungen und ohne Kopftuch kleiden zu können. Im Iran filmen sich Frauen ohne Kopftuch und veröffentlichen ihre Videos und Fotos in den sozialen Medien unter dem Hashtag #MyStealthyFreedom. Sie riskieren dabei Strafen, die wir uns in Europa nicht mehr vorstellen können [4]. Der Akt des Ablegens des Kopftuchs symbolisiert nicht nur den Widerstand gegen die herrschende patriarchale Priesterkaste, er ist nicht nur ein Akt der Emanzipation, sondern viel mehr: Sichtbarwerdung.

Ganz gleich, welchen Standpunkt man im Kopftuchstreit einnehmen mag, man kann die Dimensionen der Auseinandersetzung nicht, wie unser Blogger, außer Acht lassen. Was die einen innerhalb des Rechts der Religionsfreiheit fordern, fürchten die anderen als letztlich die Gesellschaft verändernden, totalitären religiösen, und damit in Konsequenz politischen Anspruch.

Der dritte Satz enthält in sich bereits einige Formulierungen, die unserer Aufmerksamkeit bedürfen. Juden und Jüdinnen hätten sich für säkulare Bildung und Berufe geöffnet, heißt es. Während säkulare Bildung den Besuch staatlicher Schulen meinen mag, ergeben die Berufe keinen Sinn: weder in der Formulierung, sie hätten sich für Berufe geöffnet, noch in der anderen Deutung, sie hätten sich für säkulare Berufe geöffnet. Nicht säkulare Berufe [9] sind solche, deren Ausübung ein religiöses Bekenntnis erfordert, wie beispielsweise Papst, katholischer Priester, Imam, jüdischer Tempelpriester oder Rabbi. Während für jüdische Tempelpriester seit der Zerstörung des zweiten Tempels kein ernsthafter Bedarf mehr bestand, kannte das rabbinische Judentum viele Rabbiner, die sich ihren Lebensunterhalt wie alle anderen Juden selbst beschaffen mussten. Den Lebensunterhalt beschafft man sich üblicherweise durch Arbeit, und meistens wurde dazu ein Beruf erlernt. Die Formulierung, Juden hätten sich für säkulare Berufe geöffnet, impliziert, sie hätten zuvor nur nicht-säkulare, mit anderen Worten „typisch-jüdische Berufe“ ausgeübt. Die Konsequenzen dieser Feststellung lasse ich aus.

Die nächste auffällige Formulierung ist die Behauptung einer Öffnung des Judentums für die seltsamen Berufe, mit anderen Worten, eines bewusst dargebrachten Aktes der Jüdinnen und Juden als wesentliche und einzige Voraussetzung der Assimilierung. Was die Formulierung nahe legt, darf ich kurz illustrieren:

Die Jüdinnen und Juden stehen da in ihrem Ghetto in der Frankfurter Judengasse herum, und so oft der Ausrufer des Souveräns vorbeikommt und ausruft: „Oh ihr Juden, verlasst das Ghetto, nehmt euch eine schöne Wohnung in der Gartenstraße da drüben, besucht unsere säkularen Schulen und Universitäten, ergreift säkulare Berufe wie Briefträger, Forstverwalter, Lampenputzer oder Perron-Billet-Verkäufer, öffnet euch für säkulare Bildung und Berufe“, starren sie nach unten, schütteln den Kopf und gehen weiter ihren ominösen Nicht-Berufen oder auch Nicht-säkularen-Berufen nach, bis sie an einem Tage, den der Ausrufer nicht mehr erwartete, die Arme ausbreiten, sich plötzlich öffnen und in Scharen an die Universitäten strömen, als hätte der Gott der Christen plötzlich den Heiligen Geist der letzten Öffnung über sie ausgegossen.

Aber so war es nicht.

Der Blogger verwendet überraschenderweise den schwierigen Begriff der Assimilation [5], einer Forderung also nach Angleichung an die oft feindliche, christliche Mehrheitsgesellschaft unter Aufgabe eigener Kulturgüter, während zeitgenössisch zunächst von Gleichstellung, dann von Emanzipation gesprochen wurde. Assimilation wurde in Deutschland später, ab Ende des 19. Jahrhunderts diskutiert, aber sie bedeutete eben die völlige Aufgabe der jüdischen Herkunft und hatte daher wohl keine Mehrheit im europäischen Judentum, wie auch Hannah Arendt meinte. Aber anders als unser Blogger nahelegt, mußten nicht die Jüdinnen und Juden sich „öffnen“, sondern die Mehrheitsgesellschaft, die die Juden in Europa über Jahrhunderte entrechtet hatte.

Die Emanzipation der Juden begann in den USA mit der Einsetzung der Verfassung, in Frankreich mit der französischen Revolution (wobei ihre Rechte kurz darauf teilweise außer Kraft gesetzt wurden, mit der Begründung, man wolle ihre Emanzipation fördern), in Deutschland dauerte sie auch aufgrund der Vielstaaterei lange Zeit (man findet die Zeitspanne von 1817 bis 1871, was in gewisser Weise willkürlich ist) und wurde letzten Endes in vollem Umfang erst im Kaiserreich 1871 verwirklicht (was nicht bedeutet, dass das antijüdische Ressentiment verschwand: eine jüdische militärische Karriere war nicht denkbar). Noch im Preussen Friedrichs des Großen mussten Juden Schutzbriefe erwerben, um das Recht der Ansiedlung und den Schutz des Souveräns zu erhalten. Der Schutzbrief wurde immer wieder neu verhandelt; die jüdischen Gemeinden wurden so zu regelmäßigen Zahlungen gezwungen, die nicht jeder Jude aufbringen konnte, wofür dann die Vermögenderen unter ihnen einsprangen.

Aber der Blogger schreibt vom europäischen Antisemitismus, also müssen wir den Blick weiten und die Situation im Ansiedlungsrayon des Zarenreiches betrachten, in dem die Mehrheit des europäischen Judentums nach der dritten polnischen Teilung zu leben gezwungen war. Das Zarenreich, das in seinem imperialen Drang mit Westpolen, Teilen Litauens, Bessarabien, einem Streifen der Ukraine und und einem Teil Weißrusslands unverhofft an die Juden gekommen war, ließ sie zunächst an Bürgerrechten teilhaben, beschränkte aber Aufenthalt und Freizügigkeit mit wenigen persönlichen Ausnahmen auf den Ansiedlungsrayon, um dann über zwei Jahrhunderte die Zügel stärker und stärker anzuziehen, die Rechte mal um mal einzuschränken, bei immer wieder auftretenden Pogromen. Die wirtschaftlichen Möglichkeiten verschlechterten sich, der Rayon litt zunehmend unter Verelendung [11].

Nach dem Attentat auf Alexander II. im Jahr 1882 brachen erneut Pogrome aus [6]. Die zaristische Regierung untersuchte, stellte fest, die Ursache wäre „jüdische Ausbeutung“ und erließ die „Zeitweiligen Gesetze“, die Juden verboten, sich außerhalb von Städten und Kleinstädten niederzulassen. In der Folge kam es zu einem Ansturm jüdischer Schüler auf staatliche Mittel- und Hochschulen, der wiederum den Widerstand der christlichen Gesellschaft hervorrief. In der Folge wurde bestimmt, dass im Ansiedlungsrayon für Juden ein Numerus Clausus von 10% gelten sollte, im restlichen Russland von 3 bis 5% (eine Stadt im Rayon konnte schon mal einen jüdischen Bevölkerungsanteil von 50% haben). Auch hier lässt sich feststellen, dass die Emanzipation der Juden nicht die „Öffnung“ der Juden zur Voraussetzung hatte, sondern ihre rechtliche Gleichsetzung, soweit sie Bildungs- und Beschäftigungsmöglichkeiten betraf.

Stellen wir fest: Die Mehrheit der europäischen Juden lebte zur Zeit ihrer Emanzipation im russischen Ansiedlungsrayon, nachdem europäische Politik sie über Jahrhunderte immer weiter nach Osten verdrängt hatte. Anders als unser Blogger darstellt, erforderte dort die Emanzipation nicht das Verlassen des Ghettos [7], das er in lautmalerischer Weise erwähnt. Sie erforderte das Verlassen des Stetl. Und wer es verließ, musste dorthin gelangen, wo er ohne Gefahr für Leib und Leben gleichberechtigt leben durfte. Zwischen 1881 und 1914 gelang das ungefähr zwei Millionen russischen Juden. Viele von ihnen wanderten in die USA aus, einige gingen in das Osmanische Reich, dorthin, wo später das britische Mandatsgebiet Palästina entstehen würde, und legten ab 1882 die sumpfigen Böden trocken, die ihnen die Effendis zu überhöhten Preisen überlassen hatten. Die Emanzipation des europäischen Judentums war zu einem großen Teil Auswanderung, ein Fakt, der gern übersehen wird, auch wenn die Auswanderung zu dieser Zeit ohne Emanzipation nicht denkbar ist.

Wir fassen zusammen, was wir bisher fanden: Die Assimilation der Juden in Europa war in Wirklichkeit die Emanzipation. Die Emanzipation der meisten europäischen Juden bedeutete nicht das Verlassen des Ghettos, sondern des Stetl. Sie verlangte weniger eine „Öffnung“ der Juden für säkulare Bildung und Berufe, als die rechtliche Gleichstellung mit der Mehrheitsbevölkerung. Vor der Gleichstellung konnte sich der Jude von morgens bis abends für säkulare Bildung und Berufe öffnen, und auch, wenn er sich dazu nachts wie ein Albigenser kasteite oder ein Bild vom Papst in die Stube hängte, so lange er nicht das Recht auf Bildung und freie Berufswahl besaß und denselben Gesetzen unterlag wie alle anderen Bürger, half das alles nichts.

Ein paar Worte zu den abgeschotteten Ghettos, aus denen heraus sich die Jüdinnen und Juden öffneten u.s.w. Das berühmte Ghetto in Frankfurt wurde 1796 durch französische Truppen vernichtet, und die Juden durften es verlassen. Sie kamen überraschenderweise nicht auf die Idee, es neu zu errichten. 1871 gab es in Deutschland kein Ghetto mehr. Der Begriff „abschotten“ verweist auf das Schott, eine Einrichtung, die als durchgehende Wand aus dem Schiffbau bekannt ist und das Eindringen von Wasser in Teilbereiche des Schiffes verhindern soll, falls das Schiff leck läuft. Es ist also eine Einrichtung im Inneren zum Schutz gegen das Äußere. Die Wortwahl „abgeschottetes Ghetto“ hat eine Tendenz zur Behauptung, es seien die Ghettos und damit deren Bewohner, die sich gegen das Äußere abgeschottet hätten. So einleuchtend es klingen mag („Ei jo, Ghetto, die wollten das so“), es waren noch immer die Anderen, die christliche Gesellschaft, die den Juden in Europa und damit ihren Ghettos die Spielregeln aufgezwungen hatten bis hin zum nächtlichen Verschließen des Tores. Juden gestalteten ihren Stadtbezirk, das Ghetto, nach den Bedürfnissen ihrer Gemeinschaft, so weit das möglich war; aber der Platz wie auch die Regeln ihrer Existenz wurden ihnen zugewiesen und aufgezwungen.

Nachdem wir nun die Kleinigkeiten betrachtet haben, müssen wir die drei Sätze auf ihre Beziehung zueinander prüfen. Das führt uns zu einem Adverb. Der Blogger beginnt den dritten Satz mit dem kleinen, aber wichtigen Wort „ebenso“. Er versucht sich an einer Analogie des Kopftuchstreites mit einer Eskalation des europäischen Antisemitismus infolge der jüdischen Emanzipation. – Die kopftuchtragenden Musliminnen, die den Lehrberuf erstreben (aber noch nicht ergriffen haben), würden meines Erachtens für sich selbst den Begriff Assimilation empört zurückweisen. Wären sie (vollständig) assimiliert, gäbe es sie nicht als kopftuchtragende Musliminnen. – In Deutschland war die Folge der Emanzipation tatsächlich eine gesellschaftliche Neuformation antisemitischer Kräfte wie etwa die der Gründung der Antisemitenliga, mit dem Ziel, die Judenemanzipation rückgängig zu machen. Dabei fällt die neuere Ausformung des Antisemitismus auf Grundlage der „Rassetheorie“ zeitlich zusammen. Aber: Juden wurden auch zuvor geschlagen, vergewaltigt, ermordet und vertrieben.

Um die „ebenso“-Analogie zwischen der Eskalation des europäischen Antisemitismus und dem erregten Thema zu verdeutlichen, ist es hilfreich, die Schilderungen zu vergleichen. Dann müsste sich die jüdische Emanzipation anhand eines Einzelschicksals in Analogie so darstellen:

Ein europäischer Jude zieht mit seiner Frau nach Deutschland. Das Paar bekommt einen Sohn, und nachdem der Vater lange als kippatragender Hausmeister im preußischen Schuldienst gearbeitet hat, wobei kaum jemand ein Problem mit dem Kippaträger hatte, solange er nur die Suppenkessel in der Schulküche flickte, wurde das Kleidungsstück erst zum erregt diskutierten Thema, nachdem kippatragende Juden den Lehrberuf ergriffen.

Die Emanzipation der Juden in Europa war eine Entwicklung innerhalb der Aufklärung, die ausgehend von Religionskritik den Menschen für sein Schicksal verantwortlich machte. Nach Kant war die Aufklärung der „Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit“. Für jüdische Deutsche dagegen bedeutete sie auch den Ausgang des jüdischen Menschen aus seiner nicht selbst verschuldeten Entrechtung. Der Kopftuchstreit wird innerhalb einer aufgeklärten Gesellschaft geführt, die Emanzipation der Musliminnen mit einem Kopftuch ist nicht notwendig, denn sie verfügen bereits über alle Bürgerrechte. Nichts beweist das so sehr wie die Tatsache, dass einige von ihnen vor Gericht geklagt haben. Doch wenn die Emanzipation der Musliminnen mit einem Kopftuch in Analogie zur Emanzipation des Judentums weder notwendig war noch stattgefunden hat, kann das erregt diskutierte Thema wohl kaum mit dem eskalierenden Antisemitismus gleichgesetzt werden, den der Blogger als Reaktion als Reaktion auf die Emanzipation beschreibt.

Wie man es auch dreht und wendet: Es gibt historisch, ideen- und wirkungsgeschichtlich keine Verbindung und keine Analogie zwischen jüdischer Emanzipation, ihrer gesellschaftlichen Wirkung und dem erregt diskutierten Thema. Und ganz gleich, ob diese Überlegungen dem rezensierten Buch oder den Vorstellungen des Rezensenten entsprangen, die Gleichsetzung des Kopftuchstreits mit Antisemitismus ist in jeder Hinsicht falsch und durch nichts zu begründen.

Der Blogger, dem wir die Sätze verdanken, heißt Dr. Michael Blume. Derzeit arbeitet er unter anderem als Beauftragter gegen Antisemitismus im Dienst des Landes Baden-Württemberg. Er hat den scilogs-Preis für „wissenschaftliches Bloggen“ erhalten. Nachdem er kürzlich unter Übersteigerung einer Formulierung von Wolfgang Pohrt in einem kritischen Artikel als „Meister Proper des Antisemitismus“ bezeichnet wurde, hat er beschlossen, den eigenwilligen Titel als Ehre anzunehmen („… ich fühle mich durch diese Beschimpfung tatsächlich sehr „geehrt„!). Aber er scheint weitere Ziele zu haben, wenn er schreibt: „Jetzt müssen wir die „Achse des Guten“ also nur noch überzeugen, mich als „Kernseife der Antisemitismusbekämpfung“ zu beschimpfen…„, gefolgt von einem – Zwinkersmilie.

Historisch folgt der Emanzipation der jüdischen Deutschen der rassische Antisemitismus, der in den Öfen von Auschwitz und in den Wäldern des Ostens mit den Mitteln eines modernen Industriestaates seine grausame Erfüllung fand. Dass das erregt diskutierte Thema auch nur in entferntester Weise zu solchen Weiterungen führen könnte, denkt man nicht einmal in Absurdistan [8]. Das sollte auch dem Antisemitismusbeauftragten klar sein, dessen Ernennung zur Kernseife der Antisemitismusbekämpfung vielleicht sicherer ist, als man so ahnt.

[1] https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/das-integrationsparadox-von-aladin-el-mafaalani-mein-buchtip-2018/

[2] Es gibt die Überzeugung, der Koran schreibe das Tragen des Kopftuchs vor, es wird auch argumentiert, dass die einschlägigen Suren diesen Schluss nicht zulassen. Aus der Praxis ist bekannt, dass die Kopftuchfrage mit einem fragwürdigen Ehrbegriff verbunden ist. Wesentlich ist, dass erst die Erklärung des Kopftuchs zum religiösen Symbol den Klageweg öffnet.

[3] Die aus einer vermögenden Familie stammende Ägypterin Hudā Schaʿrāwī verbrachte ihre Kindheit abgeschottet im Harem, wurde im Alter von zwölf Jahren verlobt, ein Jahr später verheiratet, lebte aber erst im Alter von 21 Jahren mit ihrem Gatten in häuslicher Gemeinschaft. Sie gründete u.a. die Ägyptische feministische Union, und als sie 1923 nach der Rückkehr von einem Treffen der International Alliance of Women zurückkehrte, nahm sie bei der Ankunft vor dem Bahnhof in Kairo medienwirksam ihren Schleier ab. Sie soll ihn dann in das Hafenbecken von Alexandria geworfen haben. Verschleierung betraf zu ihrer Zeit nur die ägyptische Oberschicht.

[4] Im Iran ist die Iranerin Shaparak Shajarizadeh zu einer Haftstrafe von 20 Jahren verurteilt worden, weil sie öffentlich gegenden Kopftuchzwang protestierte. Zwei Jahre der Haft sind ohne Bewährung. Ihr Verbrechen: Sie nahm die Verhüllung in der Öffentlichkeit ab und schwenkte diese an einem Stock (Foto). Das berichtet die „Krone“. Laut dem Gericht habe sie damit den Strafbestand der Anstiftung zur Prostitution erfüllt. Auch ihre Verteidigerin, die Menschenrechtsanwältin Nasrin Sotoudeh, wurde verhaftet. In einem Video auf Twitter meinte sei: „Es bedeutet, ich soll für 20 Jahre zum Schweigen verurteilt werden. Tatsache ist, wir iranischen Frauen leben seit 40 Jahren im Gefängnis.“
http://kath.net/news/64439

[5] Assimilation wird heute in strukturell und kulturell unterschieden, und innerhalb dieser Unterteilung noch mehrfach ausdifferenziert. Der Begriff wird aber häufig verwendet, um eine Angleichung einer Gruppe an die Mehrheitsgesellschaft zu beschreiben, durch die die Eigenheiten der Gruppe schließlich nicht mehr wahrnehmbar sind. Daher werde ich den Begriff Assimilation nicht verwenden.
Der Brockhaus 1809 bis 1811 verwendet in Bezug auf das Judentum keinen der Begriffe Assimilation und Emanzipation.
Das Konversationslexikon von Pierer (1857 bis 1865) nennt in einem Artikel über die Juden den Begriff Emanzipation. Assimilation hingegen ist ein Begriff für medizinische Sachverhalte. http://www.zeno.org/Pierer-1857/A/Juden?hl=juden
Der Brockhaus von 1911 erläutert den Begriff Emanzipation auch am Beispiel der Juden, und der Prozess ihrer allmählichen rechtlichen Gleichstellung in Deutschland wird mit Emanzipation beschrieben:

In Deutschland, wo trotz des von Karl V. ihnen gewährten Reichsschutzes (1530 und 1541) noch Verfolgungen vorkamen und die unduldsamen Schutzprivilegien und Judenordnungen neben einzelnen Vergünstigungen fordauerten, machte sich erst durch die Aufklärungsbewegung des 18. Jahrh. und das Auftreten Moses Mendelssohns und Lessings ein Umschwung zugunsten der J. geltend. Doch wurde erst 1803 der Leibzoll aufgehoben, und erst seit 1808 erfolgte ihre allmähliche Emanzipation (preuß. Edikt vom 11. März 1812), die nach mehrfachen Rückschritten (seit 1814 und nach 1848) durch die Gesetzgebung des Deutschen Reichs (seit 1871) durchgeführt ist.
Der Begriff Assimilation wird auch hier nur in Bezug auf medizinische Sachverhalte verwendet.

Einen Überblick über die Emanzipation des deutschen Judentums gibt die BPB in diesem Artikel:
http://www.bpb.de/izpb/7674/1815-1933-emanzipation-und-akkulturation?p=all

[6] Wie radikal in der russisschen Politik gedacht werden konnte, entnehmen wir dem folgenden Zitat von Konstantin Pobedonoszew, dem persönlichen Berater von Zar Alexander III., in dem wir auch der Assimilation wieder begegnen: „Ein Drittel (der russischen Juden) wird sterben, ein Drittel wird auswandern, und das letzte Drittel wird im russischen Volk völlig assimiliert werden.
Die „Protokolle der Weisen von Zion“, ein übles antisemitisches Machwerk aus dem Dunstkreis des zaristischen Geheimdienstes, wurde erstmals 1903 in Russland veröffentlicht.

[7] Die romantisierende Vorstellung vom Verlassen des Ghettos unterstellt, die deutschen Juden hätten ab 1817, als der Begriff Emanzipation geprägt wurde, vorwiegend in Ghettos gewohnt, während der Großteil real auf dem Lande lebte. Viele von ihnen waren bettelarm.

[8] Der Vollständigkeit halber muss erwähnt werden, daß ein deutscher Pro-Erdogan-Aktivist, der sich gern als „aktivierenden Journalisten“ bezeichnet, und der auf Facebook zuletzt noch über 70.000 Follower hatte, in seinen Videos zeitweise solchen Unsinn behauptet hat: Man würde Muslime in Deutschland bald entrechten, enteignen und möglicherweise töten. Sie sollten deshalb unbedingt Grundbesitz in der Türkei erwerben und aus Deutschland verschwinden, so lange es noch möglich wäre. Ähnliches legt eine hier und da geäußerte und weiter verbreitete Überzeugung dar, die schlicht so formuliert wird: „Muslime sind die neuen Juden“, eine Behauptung, die z.B. in einer Dokumentation über den Rechtspopulisten Geert Wilders in der ARD ohne jeden Widerspruch geäußert wurde. Siehe
https://www.mena-watch.com/mena-analysen-beitraege/westdeutscher-rundfunk-geert-wilders-ein-spion-der-juden/

[9] Eine google-Suche mit den Worten „nicht säkulare Berufe“ in Anführungszeichen ergibt in 0,48 Sekunden keine Ergebnisse.

[10] „Noch ist das Radfahren nur in bestimmten Parks und auf Spielplätzen unter männlicher Aufsicht erlaubt. Dennoch ist es sehr wichtig, diese neuen Veränderungen zugunsten der Frauen zu würdigen, kleine Schritte, die aber auch etwas in den Köpfen, an der Art zu denken, verändern. Saudi-Arabien ist sehr konservativ. Die Regierung ist konservativ, aber die Leute selber sind sehr, sehr konservativ und sträuben sich gegen Veränderungen. Langfristig können solche kleinen Schritte etwas in den Köpfen dieser Leute bewegen.
Es soll inzwischen bahnbrechende Verbesserungen geben: Frauen dürfen auch in der Öffentlichkeit radeln, wenn sie von einem Mann begleitet werden. Seit 2018 geht es auch um das Motorradfahren. Dennoch bleiben Warnungen wie die, dass Fahrradfahren bei Frauen die Jungfräulichkeit gefährde.
Siehe https://www.deutschlandfunkkultur.de/das-fahrrad-symbolisiert-fuer-mich-das-grundkonzept-der.1287.de.html?dram:article_id=259931

[11] Wer wissen möchte, wie es im Ansiedlungsrayon zuging, kann aufmerksam die acht Erzählungen in „Tewje der Milchmann“ von Scholem Rabinowitsch (Pseudonym Scholem Alejchem) lesen. Eine kurze Zusammenfassung : Es war schlimm. Und es wurde schlimmer.
Auch Rabinowitsch emigrierte schließlich in die USA. Er starb 1916 in New York. Anlässlich seiner Beerdigung waren die jüdischen Geschäfte New Yorks geschlossen, und Hunderttausende waren seinetwegen auf den Straßen.

[12] In einer Diskussionen zur Stellung der Frau in Katar wurde eingewandt, die Männer in Katar würden ihre Frauen, von denen jeder vier haben darf, auf Händen tragen. Dass an dem Argument, das ich zunächst als Scheinargument auffasste, wohl mehr dran ist als ich zunächst dachte, wurde mir klar, als ich erfuhr, dass es in Katar ungewöhnlich viele Scheidungen gäbe, die meist von den Frauen ausgingen. Der Gatte muss dann nicht nur für den Unterhalt der geschiedenen Frau aufkommen, er muss ihr auch ein Einfamilienhaus zur Verfügung stellen.